Ich denke, beides ist wichtig - begreifen im Sinne von ertasten (mit den Augen und/oder mit den Händen) und begreifen im Sinne von verstehen.
Es ist wichtig, nicht auf den Verstand zu hören, der einem zu Beginn sagt, beide Augen sind gleich breit und einen dazu verleitet, bei einer seitlichen Ansicht das vom Betrachter abgewandte Auge nach vorne zu klappen. Hier sollte man auf das vertrauen, was das Auge wirklich sieht, auch wenn es einem zunächst unmöglich erscheint.
Aber es ist auch wichtig, das Gesehene zu verinnerlichen und an den Verstand weiterzureichen, der einem später sagt, schau noch mal genauer hin, das Auge kann so breit nicht sein, es ist schließlich von dir abgewandt... Und wenn man immer nur das malt, was man wirklich sieht, wird man nie in der Lage sein, ohne perfekte Vorlage zu arbeiten, die einem bereits alles liefert und nichts darüber hinaus.
Aber das hatten wir schon in anderem Zusammenhang.
Etwas dreidimensional zu modellieren, halte ich auch für eine sehr gute Möglichkeit, die Form abzutasten. Man arbeitet mal ganz zentral und legt dabei beide Augen gleich breit an und wenn man den Kopf dreht, um an ihm weiter zu arbeiten, erfährt man, wie sich die Proportionen je nach Blickwinkel ändern... Viele sind auch sehr erstaunt, wieviel Raum doch tatsächlich so ein Hinterkopf einnimmt, wie breit ein Hals ist und - mein persönlicher Lieblingsfehler

- wie kurz eine Nase... Aber manche haben eben tatsächlich eine verhältnismäßig lange Nase und das macht es nicht einfacher, deswegen sollte man auch immer verschiedene Modelle haben, damit man keine Einheitsgesichter mit den in vielen Büchern vorgegebenen Proportionen und Einteilungen zeichnet, die zudem nur für die Zentralperspektive gelten. Uns wurde auch immer gesagt, bloß nicht nur den Kopf, sondern immer auch den Hals und die Schulterpartie mitzeichnen, damit es keine Luftballons werden.
Wenn man den Kopf nicht dreidimensional formt, so sind oft viele Zeichnungen aus unterschiedlichster
Perspektive
notwendig, um dahinter zu kommen, wodurch welche Abstände zustande kommen.
Allerdings habe ich auch beobachtet, dass Leute ohne Vorkenntnisse bereits nach einem Portraitkurs gute Ergebnisse mit sehr viel Ähnlichkeit erzielt haben. Denn die Ähnlichkeit ergibt sich nicht über die Plastizität sondern über genaues Beobachten und Reproduzieren (bzw. in der
Karikatur
durch das Überrsteigern besonderer Merkmale)... Wie sind Mund und Nase geformt, wie groß sind die Ohren, sind Kinn und Wangenpartie schmal oder breit, wo gibt es Fettpölsterchen, in welchem Abstand zum Auge sitzen die Augenbrauen, wie breit sind sie und wie verlaufen sie... Ähnlichkeit entsteht nicht, wenn aus der Phantasie gezeichnet wird. Viele haben aber eine Scheu davor, das Modell häufig anzusehen, schauen ein-zwei Mal hin und sind ansonsten auf ihr Blatt konzentriert und in ihre Umsetzung vertieft. Sie kontrollieren zu wenig, was sie glauben, gesehen zu haben. Und an der Stelle steht für mich auch das Zitat von Richter, das durchaus seine Berechtigung hat.