Motive übertragen

Gerti
Hallo zusammen,

ich habe mich an Fotos meiner Kinder versucht und - um die Proportionen möglichst genau zu übertragen - mit Raster gearbeitet.

Wie macht das denn eigentlich ein erfahrener Portraitmaler: Kann man mit genügend Übung Gesichter "frei Hand" zeichnen oder sind Hilfsmittel erlaubt? Gerade hier kommt es ja auf jede Einzelheit an und eine Kleinigkeit zuviel oder zuwenig ändert möglicherweise schon den ganzen Gesichtsausdruck...

Gerti
C.C. Lempertz
In der Malerei ist alles erlaubt. Gerade bei Portrait muss man mit sämtliche Tricks arbeiten, da es um genaustes zeichnen ankommt. Der einfachste Trick ist es das Foto zu vergrößern - z.B. im Kopierladen (in der Größe wie man das Portrait malen möchte). Dann wird abgepaust. Viele sagen jetzt, dass hat nichts mehr mit malerei zu tun. Das ist falsch. Es ist noch verdammt viel Arbeit nach der Vorzeichnung ein Portrait zu malen. Also nachdem man mit Pauspapier die Vorzeichnung fertig hat sollte man z.B. mit einem Edding nochmals die Vorzeichung ausarbeiten, da durch das Abbausen teilweise die Linien sehr undeutlich sind. (Eddingstift natürlich ganz dünn).
Dann fängt man an das Bild in Acryl aufzubauen. Man kann zum einen einen Grauton, Grünton oder direkt mit einem Hautton das Bild aufbauen. (Aufbauen bedeutet, Acyl mit Wasser verdünnen, die mit dem Edding vorgezeichneten Linien nochmal nachzeichnen, und dann stark verdünnt die Farbe auftragen. Dabei weniger Verdünnt die Linien auftragen (Linien z.B. Falten usw.) Diesen Vorgang sollte man ca. 6-7 Mal kompl. wiederholen. (Schichtmalerei) Man kann nach jeder Schicht sehen wie das Bild an Formen gewinnt. Die Nase wird zum Greifen sein. Dannach können unendlich viele Schichten Öl (ebenfalls verdünnt) aufgetragen werden. Man sollte nur verdünnt arbeiten, sonst verliert man die Konturen.
Ich hoffe damit weitergeholfen zu haben und wünsche viel Erfolg beim Malen.
Gruß
Claudia
Gerti
Hallo Claudia,

das sind ja tolle Tipps, die ich da höre. Bis jetzt habe ich meist die Portraits mit Farbstiften gezeichnet (da muss man dann ja auch mehrfache "Schichten" zeichnen, bis der Hautton getroffen ist oder die Schatten richtig sind), aber nach allem was ich jetzt höre, würde ich mich ja mal gerne an ein Portrait in Öl wagen. Hab bis jetzt meist nur mit Öl gearbeitet, versuche aber nun zumindest die Grundierung in Acryl (klappt gut) und probiere das bestimmt mal aus, in verschiedenen Schichten Acrylfarben zu verwenden, dann zum Schluss Ölfarben.

Vielen lieben Dank, hat mir sehr geholfen!

Gerti
annett wetzel
Hallo Gerti,

genau das möchte ich lernen und bin deshalb in der Malschule: das Freie Zeichnen. Wenn ich z.B. in einem Cafe sitze dann möchte ich Dinge auf dem Papier festhalten können: Menschen, die plaudern, ihren Kaffee trinken. ..
Ich glaube, dass es wichtig ist zu wissen wie die Anatomie des Kopfes ist (um z.B. eine Auge nicht "flach" zu zeichnen).
Ich stimme aber auch Claudia zu: natürlich ist es einfacher und es geht schneller indem man abpaust. Danach hat man noch genügend zu tun um ein gutes Portrait zu erhalten.

LG,
Annett.
taferl
Also ich glaube speziel die Portätmalerei ist eine besondere Gabe. Es gibt irrsinnig viele Maler (unter anderem ich) die zwar einen Körper aus dem Stegreif heraus zeichenen können, aber mit dem Gesicht voll daneben liegen. Abpausen ist natürlich eine Lösung, die ich auch manchmal praktiziere, aber es befriedigt mich nicht. Ich kann wunderbar Tierporträts zeichnen, aber beim Menschenkopf versage ich kläglich.
Ich kenne einige die diese besondere Gabe haben und einem Menschen ins Gesicht sehen und bereits in 3 Minuten ein tolles Porträt haben.
Mein Trost: Auch viele berühmte Maler konnten kein Portät malen.
Ledana
Hallo,
abpauschen ist bestimmt leichter als freihand es zu malen. Ich will aber nicht leichter haben. Es benötigt viel Handübung und Aufmerksamkeitübung etwas freihand zu malen( Koordination der Handbewegung mit Augenreiz und Gehirnarbeit). Es benötigt viel Übung die Sachen etwas anderes zu sehen, als wir es gewöhnt sind vom Verstand her. Aber das ist einer von den Sachen, auf den die Kunst basiert. Und was für Freude gibt es den Anforderungen sich gegenüber zu stellen und das Perfekte, die auf der Übung und Experimentieren basiert, zu erreichen. Üben und Experimentieren höhrt nie auf und ist in die wunderbahre Welt das Schaffens integriert und derer sehr wichtiger Bestandteil .
Susanne Haun
Hallo ihr zusammen,
wenn ich ein Bild von meinem Sohn für meinen Schreibtisch oder für die Wand möchte, dann mache ich ein Foto. Denn von meinem Verständnis sind Fotos dafür da.
Ich bin völlig der Meinung von Ledana. Man soll sich nichts leicht machen in der Kunst. Ich male sehr viel Portraits. Ich male aber meine innere Sicht. Je besser ich mein Modell kenne, desto besser wird mein Portrait. Übrigens hat sogar Corinth gesagt, dass man keine Kentnisse der Anatomie braucht, sondern nur die emotionalle Bindung zum Modell, um ein gutes Portrait zu malen. Das mit der Anatomie finde ich schon gewagt. Ich denke, diese Kentnisse braucht man schon. So gruselig es klingt, man sollte zur Übung Totenschädel malen. Ich arbeite viel mit dem Arbeitsbuch von Gottfried BAmmes. Den kann ich jedem, der den Menschen malen will, nur empfehlen. Ein gutes Portrait muss nicht viel Ähnlichkeit mit dem Modell haben. Und wenn ihr mit dem Portrait von einem lieben Menschen anfangt, dann setzt ihr euch nur selber unter Streß. Ich habe gerade eine Ausstellung in Berlin im Schloss Biesdorf, wo ich nur Portraits zeige, die meine Familie und meine Freunde darstellen. Es ist die Ausstellung dieses Jahr, wo ich mich am angreifbarsten gemacht habe. Jeder will Ähnlichkeiten sehen oder erkennen. Ich brauche diese Ähnlichkeit nicht. Ihr könnt auf meiner Homepage einen Teil der Ausstellung unter Acryl -> weitere Portraits sehen. Dort findet ihr auch Andreas Mattern, meinen Kollegen. Ihr kennt ihn ja aus dem Forum.Ich wünsche euch einen schönes Wochenende Susanne
C.C. Lempertz
Sicherlich sollte ein Portrait aus freier Hand gezeichnet werden. Dieses kann man bei Familienmitgliedern selbstverständlich machen. Aber was ist wenn man einen Auftrag zur Portraitmalerei bekommt? Dann ist genauste Zeichnung erforderlich. Ein Kunde würde niemals ein Bild abnehmen, wo man gerade seine Frisur erkennen kann. Das ist leider so. Portraitzeichnungen lernt man nur über Jahre. Es hat nicht unbedingt was mit Können zu tun sondern mit reiner Übung. Dieses sieht man meistens im Ausland. Dort gibt es Portraitzeichner welche von morgens bis abens nichts anderes tun als Köpfe zu zeichnen.
Viele Grüße Claudia
Susanne Haun
Hallo Claudia,

ich male auch oft Bilder nach Auftrag. Bevor ich einen Auftrag annehme, sage ich den Auftraggebern, sie sollen sich meine Bilder anschauen. Und ich sage, dass ich nach meinem inneren Gefühl male und nicht nach dem was ich sehe. Ich male, was ich nicht sehe. Ich habe dieses Jahr 6 Aufträge angenommen. Bei einem Auftrag ist meine Arbeit abgelehnt worden. Ich habe mich geärgert aber ich kann damit leben. Alle anderen Aufträge habe ich zur vollsten Zufriedenheit erledigt. Oskar Kokoschka hat oft porträtiert. Einer seiner Auftraggeber sagte: "Ich bemühe mich jeden Tag, meinem Portrait ähnlicher zu sehen". Auftragsarbeit setzt den Künstler unter unglaublichen Streß. Aber ich male bei jedem Auftrag meine Kunst in meiner eigenen Handschrift. Und wer ein Bild von mir will, der will auch ein Bild in meinem Stiel in meiner eigenen Handschrift.

Ich sage es nochmal - wer ein realistisches Portrait möchte, kann sich ein Foto an die Wand hängen. Solche Aufträge lehne ich ab.

Einen schönen Tag wünscht Dir und allen anderen
Susanne
Ledana
Hallo Susanne und Claudia,
obwohl ich selber keine realistischen Porträts ( wie ein Foto aussehend) malen möchte und mich mehr die andere Art anzieht, fiende ich, dass beides,völlig realistisches Bild (Fotoart),wie auch das malerische,freie, auch abstrakte Porträt, gleich wunderbare Werke sein können. Jeder muß für sich selber entscheiden, was er erschaffen will. Auch die Geschmäcke des Betrachters sind unterschiedlich,und dass ist auch gut so. Wenn es so etwas nicht gebe, würden wir warscheinlich in der Kunst das zweite "Mao-Bekleidungstill" haben. Jedoch bei der Fotoart des Porträts ist viel Übung der Koordination zwieschen Auge,Gehirn und der Hand sehr nötig.
Gerti
Hallo @ all,

sicherlich sind Portraits, die nicht nur die äußere Schale zeigen sondern auch einen Teil der Wesenszüge der betreffenden Person offenbaren, unendlich viel reizvoller als ein „abgemaltes“ Foto. Dazu bedarf es aber sicherlich langjähriger Übung und ich unterstelle mal, dass selbst dann nicht jeder in der Lage sein wird, dieses zu schaffen.
Und sicher ist dagegen die Übertragung eines Fotos nach Vorlage unter diesen Gesichtspunkten einfacher, wenn auch trotzdem noch mit einiger Arbeit verbunden, um die richtigen Schatten zu finden und das Gesicht eben möglichst natürlich hinzubekommen. Aber auch ein solches Portrait bringt wie ich finde immerhin noch einiges mehr an Ausstrahlung rüber als ein einfaches Foto an der Wand. Für die – zugegeben sehr wenigen – Portraits, die ich bis jetzt gemacht habe, habe ich jedenfalls positive Rückmeldungen bekommen, das spornt auch an weiterzumachen und im Laufe der weiteren Entwicklung vielleicht dann später eigene Ideen und Vorstellungen einfließen zu lassen. Soweit bin ich aber noch lange nicht.
Ich gebe Ledana Recht: Die Geschmäcker sind verschieden, so soll es ja auch sein.
Alle diejenigen, die Portraits anzufertigen in der Lage sind "frei Hand" und mit dem Sinn fürs Wesentliche, haben meine vollste Bewunderung!
Die Beiträge zum Thema sind übrigens höchst interessant!

LG Gerti
Andreas Mattern
hallo,
also ich denke, dass abpausen in keinem fall der richtige weg
in der malerei ist,sei es Portrait oder irgendetwas anderes.
natürlich ist alles schwer in der kunst,aber deshalb macht es ja nicht jeder!
denke wenn man es (etwas talent vorausgesetzt) oft genugt versucht,übt, probiert, über seine verhältnisse malt, kann man gute ergebnisse erzielen!
manche müssen halt 10mal,manche100mal,manche 1000oder nochmehr probieren.
nur so schafft man eigenes!
ich denke viele geben zu schnell auf und machen es sich zu leicht!
gruss andreas
Ledana
Hallo Andreas,
ich meine,dass Du in die Mitte ganz genau getroffen hast. Talent ist nur eine Vorausetzung der Kunst. Kunst selbst ist aber nichts anseres als eine harte Arbeit und die unendliche Übung.
Es ist auch wichtig die in der Natur dreidimensionalen Elemente auf die zweidimensionale Fläche übertragen zu können, und zwar so, dass die Illusion entsteht, dass die Sachen trotzdem 3-D sind. Aber ausser der Fähigkeit gehört auch dazu ein hauch künstlerisches Gespür.

Ich bin vom z.B. Hopper begeistert. Seine realistischen Bilder sind nicht bloß abgemalt. Der hauptsächliche Inhalt seiner Bilder ist die Atmosphere. Der Rest ( die Elemente des Bildes) ist nur als Hilfsmittel zu betrachen, damit die Atmosphere in seinem Bild "leben" kann.
ehem. Mitglied
hi,

bei portraitmalerei geht es nicht nur um die naturalistische übertragung, sondern auch von anfang an um die entscheidung: "welchen stil wähle ich?" und ist es auftragsarbeit oder freie kunst, woran entwickele ich mich weiter, suche ich noch, oder habe ich den stli gefunden, der mir liegt, den ich am besten kann???? welches format wähle ich, welche materialien zur herstellung????

ruslana

www.ruslana-berlin.de
Susanne Haun
hier muss ich dir widersprechen.

Man kann nur einen Stil wählen - nämlich den eigenen.

Sonst sind wir wieder beim kopieren.

Gruß Susanne
ehem. Mitglied
hi susanne,

der eigene stil ist das ergebnis eines langen prozesses....

grüße von ruslana


www.ruslana-berlin.de
Susanne Haun
Hallo Ruslana,

ändert sich nicht bloss der eigene Stil .... Picasso hat ja auch viele Phasen.....

Susanne
ehem. Mitglied
...also:......der Picasso konnte ja sehr realistisch und naturgebunden zeichnen und malen, dann machte er sich ein konzept, alle regeln, die es vorher in der darstellung gab, zu brechen.....also, ein wahrer meister seines faches...

was er jedoch erreicht und erkannt hat, machen zwar viele künstler unbewusst, doch es fehlt die einsicht bei vielen bildenden künstlern, sich ihrer phase bewusst zu werden, in der sie gerade stecken.....

grüße von ruslana

www.ruslana-berlin.de