Walter Benjamin - Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Oliver
Ein bedeutender Aufsatz des bedeutenden Philosophen und Literaturkritikers Walter Benjamin (1892-1940) über das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit setzt sich eingehend damit auseinander, wie sich der Begriff des Kunstwerks durch die Reproduktionsmöglichkeiten der heutigen Zeit in seiner Bedeutung und Wahrnehmung verändert. Wie definiert sich das Original, was macht ein Original so besonders? Was verliert ein Original durch seine Reproduktion?
Prägend wurde der Begriff der "Aura des Kunstwerks". Der Aufsatz, der zu Benjamins letzten veröffentlichten Texten zählt, ist ein sehr interessanter gedanklicher Ansatzpunkt, den man bei der Betrachtung der heutigen Kunst mit einbeziehen sollte. Die stete Aktualität des im Pariser Exil (1933-1939) entstandenen Textes ist seit der allgemeinen "Anerkennung" von Film und Fotografie als Kunst, seit Kunstrichtungen wie der PopArt und in Anbetracht der heutigen Reproduktionstechniken im Einsatz zur Vermarktung der Kunst nicht zu bezweifeln.
Meiner Meinung nach ist dieser Text für alle interessant, die nicht nur Kunst schaffen, sondern sich auch mit der bewussten Kunstbetrachtung beschäftigen. Auch für die, die stetig ihren "Kunstbegriff" weiterentwickeln möchten, ist dieser Aufsatz ans Herz zu legen.

Walter Benjamins "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" bei Amazon
Lin
Danke dir dafür Oliver, nur leider geht der zweite Link nicht!

L.G.Lin
Oliver
Danke für den Hinweis. Ist korrigiert...
K.R.
hallo oliver,
so holt einem die vergangenheit ein: vor ca. 30 jahren habe ich es gelesen und es hat mich genau so wie dich beeindruckt!
Oliver
Das beweist nur einmal wieder, wie überlebensfähig gute Gedanken sind. Augenzwinkern
dirkeisner
Hi,
hab das Ding jetzt nicht gelesen, ehrlicherweise.
Deiner Formulierung nach ist es aber ähnlich zu anderen Werken, die Zeit, Kunstbegriff und Gesellschaft auseinandernehmen.

Da kommt mir in gedanken "Kunstentwicklung gleicht weniger einem Stammbaum, als einem Brombeerbusch".

Wie dem auch sei, welche Empfindungen hinterläßt das Buch bei dir?,
Wie ändert es deine Außenwirkung / Auftreten?
Wie relativiert sich deine wirtschaftliche Einschätzung.

Grüße
Dirk
Oliver
Hi Dirk,
es ist in dem Sinne kein Auseinandernehmen einer Kunstrichtung oder ähnliches. Es beschäftigt sich eher mit den Auswirkungen der Möglichkeit der technischen Reproduzierbarkeit auf die Kunst im Allgemeinen und im Hinblick auf Kunst, die von ihrer Idee her schon "reproduzierbar"/"reproduziert"/"reproduzierend" ist, wie z. B. - was damals ja ein neu auftauchendes Feld in der Kunst war - die diversen Arten des "Lichtbildwerkes". Was ändert sich am Begriff des Werkes, wenn es im Gegensatz zur Vergangenheit, in der es immer in einem Unikat zusammengefasst war, in Form von Abzügen, Prints oder anderen Reproduktionen aufgespalten wird. Verliert das Ausgangsmaterial durch die Vervielfältigung? Oder müssen wir unsere Definition des Kunstwerks ändern?
Der bereits genannte Begriff der "Aura" wird hier ins Feld geführt, der im Prinzip einen metaphysischen Aspekt bei der Betrachtung eines Werkes bildet. Er beschreibt den Begriff einmal so:
Die Aura "definieren wir als einmalige Erscheinung einer Ferne, wie nah sie auch sein mag. An einem Sommernachmittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgend, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft - das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen."
Er versucht dem Begriff der Originalität des Werkes auf die Spur zu kommen, um aufzuzeigen, ob oder in wie weit die Reproduzierbarkeit der Kunst sich auf deren Wahrnehmung auswirkt.
Der Aufsatz selbst ist nur 41 Seiten lang, was aber nichts über seinen Gehalt aussagt.
Welche Empfindungen das Buch bei mir hinterlassen hat? Hmm, eigentlich kann ich da kaum von Empfindungen sprechen. Es war viel mehr eine Auseinandersetzung, die letztendlich Anstoss war, mir selbst Gedanken über die angesprochenen Aspekte zu machen. Es ist in dem Sinne auch kein "notwendiges" Buch, aber Weitsicht bekommt man halt erst vom Umgucken. Augenzwinkern Je mehr Perspektiven mein einbeziehen kann, desto eher findet man vielleicht auch an ganz anderer Stelle Antworten auf Fragen, die man noch gar nicht kennt, denke ich.
In wie fern meinst du, sollte das Thema mein Auftreten beeinflussen? Es geht hier ja nicht um das Übernehmen von Gedankengut, sondern um seine Wahrnehmung als eventuellen Ausgangspunkt der Hinterfragung eigener Überzeugungen. Dies als "innere" Angelegenheit muss ja nicht zwingend Auswirkungen auf mein "äußeres" Auftreten haben.
Was wirtschaftliche Einschätzungen angeht, kann ich dir als Maler, der noch nie auch nur versucht hat, ein Werk zu verkaufen, leider auch nicht viel erzählen. schnuller Augenzwinkern
dirkeisner
Hi Oliver,
nun, erstmal danke für die ausführliche Antwort.

Absolut klar, mit dem Umgucken. Da stimme ich mit dir darüber ein.
Eben das "Umgucken", soweit ich das laienhaft aus selbstinitiative bewerktstelligen kann (blinder Fleck) trieb mich zu der Ansicht, dass [B]das Bild heutzutage, mehr denn je, einem relativen Gehalt unterworfen ist[B].
Das zeigt meiner Ansicht nach auch die immer wieder auftretenden Fragen im Forum über Kunst im baumarkt, Preise, ebay (keine (!) Kritik an coco smile ) und selbstmarketing. Das heißt die Häufigkeit der Diskussion zeigt doch die Prisanz und Dringlichkeit der Frage.
Abgesehen davon, wenn wir die Augen aufmachen, werden wir ja visuell überflutet. Dabei sind ja brilliante Dinge dabei. Werbefotografie war vor ein paar Jahren mit einem Riesenaufwand verbunden (Food,Auto, etc). Aber auch die Fotografie hat sich im Computerzeitalter relativiert. Schaut mal bei den Webists vorbei. Was sie im Rechner für Bilder bewerkstelligen, ich sage: alle Achtung.

All dies resultiert nun in einer persönlichen Einstellung. Das war mit meiner Frage: "was hat's bei dir bewirkt" beabsichtigt.
Bei mir hat es eine Distanzierung und eine erstmal augenscheinliche Arroganz verursacht: Du hast das gemerkt: "der noch nie auch nur versucht hat, ein Werk zu verkaufen"

Letzeres stimmt natürlich nicht ;-) Aber macht nix.
Ich denke, eben durch diese Relativität befindet sich die Kunst in europäischen Breitengraten in einem reinen Verdrängungsmarkt. Der Kuchen ist verteilt. Jetzt geht es darum, wer wen zu seinen Gunsten verdrängt.
Galerien sind das Instrument dazu. Sie vertreten im wesentlichen die Handlungen der freien Marktwirtschaft in einem eng gesteckten Markt. Künstler sind oft durch ihre Natur in einem Dilemma: Kunst ensteht oft durch Empfindlichkeit und Sensibilität oder Leiden. Erstere Faktoren stehen aber im Widerspruch zu harter Verkaufskalkulation und "muss verkaufen".

Insofern wird meiner Ansicht nach das Bild, durch seine mittlerweile vielfältigste Reproduzierung, leichtigkeit der Verfremdung und Herstellungsgeschwindigkeit zu einem günstigen Rohstoff. Welchen Rohstoffes sich der freie Markt bedient, unterliegt seinen Gesetzen, des "Wo kann ich eine Kundengruppe überzeugen mir das Geld zu geben?"
Es zeigt der Künstler steht am Anfang der Wertschaffungskette und somit in der Masse de schlecht bezahlteste.
Oh, wir haben die Superkünstler, die jetzt in Rio sich sonnen? Naja, die braucht doch der Markt, damit dieser den Status des Rohstoffes enstsprechend hochtreiben kann (-> Umsatz). Analog: oder warum sind Fußballer so gut bezahlt?

Nun, es ist ein Kreisverkehr. langsam landen wir wieder bei den drei Fragen dich ich stellte.... ;-) Jeder muß hier selbst handeln.

Ich finde deinen Blog, gut!!!
Verstehe meine Antwort als Ergänzung, nicht als Kritik.

Bei deinem Forumseintrag habe ich mich auch an ein Buch erinnert, das ich mal gelesen habe, deswegen habe ich auch nachgehakt:
Kommentar Julian Bell

Grüße
Dirk